(Frühling 2011)
Das ganze Internet...
... ist voll von Diskussionen frustrierter EPUs (Ein-Personen-Unternehmen) über unverschämt eingeforderte Gefälligkeiten, gratis Arbeitsproben etc. Als gerade noch nicht Unternehmer, aber Großkonzernbewohner mit Abwanderungsphantasien (s.u., 2005) hätte ich dem zugestimmt.
Mittlerweile sehe ich das Problem (der EPUs) nicht. Es ist wirklich nicht schwierig, Nein zu sagen zu Gratis-Leistungs-Saugern. Man muss nicht zu Allen und Jedem nett sein, man muss nicht dauernd 'netzwerken'. Auch wenn man sich angeblich 'im Leben immer zweimal trfft'. Ein Hoch auf die rauhbeinigen, wütenden Elemente!
Es ist völlig ausreichend, eine Dienstleistung anzubieten, die tatsächlich benötigt wird - und deswegen auch ohne Diskussion bezahlt wird.
Aber es ist nicht immer leicht, Nein zu sagen zu den Anfragen nach gut bezahlten Leistungen. Zu dem Appell an Guru, Nummer Eins und den Super-Experten. Das Element arbeitet daran. Am neuartigen Schutzanzug perlen die Schmeicheleien und Hilferufe ab.
(Irgendwann 2005)
Einige Fragen an den modernen Networker
Kennen Sie jemanden bei [hier einsetzen: Große Software-Firma], der mir vielleicht helfen könnte bei [hier einsetzen: Bereiche, der Firma, der den Networker nur entfernt betrifft]? Natürlich kostenfrei!
Arbeiten Sie gerne umsonst an [hier einsetzen: aufwändiges Projekt]?
Könntest Du mir [hier einsetzen: ansonsten konstenpflichtige Software] besorgen?
Ich suche Kontake in [hier einsetzen: Firma, Stadt, Branche] und weil ich Ihre virtuelle Visitenkarte gesammelt habe, kann ich Sie einfach alles bitten.
Jahre zuvor hat das Subversive Element an solche Fragen eine umfangreiche Analyse angehängt, mittlere werden solche Anfragen so Ressourcen schonend wie möglich weggeklickt.
(Irgendwann im Jahr 2004)
Arbeiten Sie gerne umsonst?
... bin ich vor kurzem gefragt worden. ("Umsonst" im Sinne von "gratis", nicht von "vergeblich"). Dahinter stand eine ernsthaft gemeinte Frage nach der Beteiligung an einem Projekt mit Hand und Fuß.
Was soll man darauf antworten?
Ja, gerne - wenn ich mit einer anderen Tätigkeit genug für meinen Lebensunterhalt verdiene, arbeite gerne in Freizeit an "dem, was ich wirklich will"
Ja gerne, aber es scheint schwer möglich zu sein, die Zeit dafür zu finden, umsonst zu arbeiten - selbst wenn ich für mehr Freizeit auf Geld verzichten möchte.
Nein - ich habe ohnehin das Gefühl, mich immer zu allzu vielen Projekten zu verpflichten (egal, ob umsonst oder hoch bezahlt).
Ja - alle Menschen arbeiten im Prinzip gerne umsonst und nur sich selbst verpflichtet. Nur der modernen, entfremdete Kapitalismus zwingt uns dazu, in Kategorien von "Broterwerb" und "brotlosem Hobby" zu denken.
Nein, genau wegen dem soeben genannten Argument: Wenn alle anderen nur an ihrem Vorteil denke, werde ich Idealist dabei nur ausgenutzt.
Ja, ich plane meine Umsonst-Arbeiten taktisch genau als Investition in meine (auch finanzielle) Zukunft.
Ich kann die Frage nicht beantworten, aber das Nachdenken darüber empfinde ich als bereichernd. Es ist einer dieser Fragen, die Gedanken über grundsätzlichere Fragen auslösen. Letztere lassen sich noch viel weniger beantworten bzw. gibt jeder die Antwort durch die Gestaltung seines Lebens.
Einige weitere Gedankensplitter
und Hypothesen dazu, die ich an anderer Stelle noch vertiefen werde:
Wenn man in Begriffen wie "Broterwerb", "Zeit-Management" und "Work-Life-Balance" denkt, läuft irgendetwas ganz grundlegend falsch. Wenn wir auf diese Art über Arbeit, Zeit und Leben sprechen, formen wir unbewusst eine Art von Realität, die mir zumindest nicht natürlich vorkommt. Aber durch das Verwenden solcher Begriffe in einer Gesellschaft, Branche usw. bestimmen wir selbst, was "Arbeit" ist oder sein soll. Warum ist 38.5 Stunden pro Woche oder 40 Stunden oder vielleicht bald wieder 45 Stunden genau die richtige Zeit für den "Broterwerb"?
Jede unangenehme Tätigkeit (langweilig, undankbar, stressig) kann die Quelle von neuen Einsichten sein. Wenn sie das auf Dauer nicht ist, sollte man darüber nachdenken, etwas zu verändern.
Jede Art von Beschäftigung oder Arbeit (umsonst oder nicht) verlangt
nach Ausgleich. Was Ausgleich bedeutet, d.h. welche Aspekte einer Tätigkeit
durch einen Aspekt einer anderen Tätigkeit ausgeglichen werden müssen, ist
individuell sehr verschieden: körperlich - geistig, herausfordernd -
monoton, einsam - kommunikativ. Oder auch umsonst - gewinnbringend oder
gemeinnützig - kommerziell.
Einen wirklichen Ausgleichseffekt kann man aber nur erzielen, wenn die
Ausgleichstätigkeit gar nicht als Gegenpol (oder eben "Ausgleich") empfunden
wird.

